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Nachhaltigkeit ist die Interaktion ökologischer, ökonomischer und sozialer Faktoren bei gleichzeitiger Verbesserung jedes Faktoren.

Ziele im Fokus

  • Nachhaltige Städte
  • Nachhaltiger Konsum
Prof. Jeff Kenworthy PhD Professur für Sustainable Cities

Prof. Dr. Jeff Kenworthy, als Professor an der Frankfurt UAS befassen Sie sich in Forschung und Lehre mit der nachhaltigen Stadt. Was hat Ihr Interesse an dem Thema ausgelöst?
Es ist schwer zu sagen, was letztlich mein Interesse an dem Thema ausgelöst hat. Ich denke, es war schon im Werden als ich ein Kind war. Wir besaßen nie ein Auto, ich lebte in den inneren Vorstädten von Perth als ein „frei laufendes“ Kind, konnte Fahrrad fahren, Kaulquappen und Schildkröten fangen in den Tümpeln – und wir nutzten Busse und Züge für längere Reisen. Um unter andere Menschen zu kommen und Abwechslung zu haben, fuhren meine Mutter und ich am Wochenende mit dem Zug. Ich hatte ein tief in mir wurzelndes Gefühl für das, was eine gute Stadt ausmacht. Mein Studium war schließlich so etwas wie die Startrampe, um mein Interesse an guten Städten zu formen und auszubilden.

Sie führen die akademische Debatte mit einer internationalen Perspektive. Was unterscheidet die Idee von Nachhaltigkeit in verschiedenen Ländern und Kulturen voneinander?
Nachhaltigkeit ist die Integration ökonomischer, ökologischer und sozialer Faktoren bei gleichzeitiger Verbesserung jedes Faktoren. Es geht nicht darum, einen Faktor gegen den anderen auszuspielen oder aufzuwiegen. Städte in den wohlhabenderen Teilen der Welt zielen darauf, den Ressourcenverbrauch ebenso zu reduzieren wie den Abfall, den dieser Verbrauch erzeugt, während sie gleichzeitig ihre Lebensqualität verbessern wollen. In weniger wohlhabenden Ländern ist der Verbrauch der Ressourcen weit weniger verschwenderisch als in den USA oder Australien und in der Tat sehr gering im Vergleich mit ande-

ren Ländern. In den ärmeren Ländern gibt es eine weitreichende Rechtfertigung dafür, den Ressourcenverbrauch zu steigern, um grundlegende menschliche Bedürfnisse wie jene nach ausreichender Ernährung, Behausung, Bildung, Gesundheit und so weiter zu befriedigen.

Wie erfolgreich wurde Nachhaltigkeit bisher in Deutschland umgesetzt, und in welchen Bereichen vermissen Sie noch stärkere Anstrengungen?
Eine Sache, die mich wirklich umgehauen hat, als ich in Deutschland zu leben begann, war der völlige Kontrast in der Qualität, mit der Häuser gebaut sind in Australien und Deutschland. Grundsätzlich ist der Großteil eines Gebäudes in Australien hauchdünn. In der Hitze und der Kälte nähert sich die Temperatur im Inneren des Hauses schnell der Außentemperatur an. Es braucht große Mengen an Energie, um die Häuser zu heizen oder zu kühlen. In Deutschland sind Wohngebäude so ziemlich das Gegenteil dessen.

Auf der anderen Seite ist das Automobil noch immer eine kraftvolle Macht in Deutschland – angeführt von drei der in der Welt am meisten bekannten Hersteller und ohne Tempolimit auf den Autobahnen. Es gibt eine ständige Beschäftigung mit Elektromobilität im Individualverkehr, mit dem Gedanken, dass wir irgendwie die ganze Autoflotte umstellen können von Diesel- und Benzinautos auf elektrische Fahrzeuge und dass damit das Problem des Autos mit der Nachhaltigkeit gelöst wäre. Das ist eine Falle, und wir müssen vermeiden, in diese zu tappen. Es ist einfach eine Illusion. Deutschland hat schon mehr als 500 Autos je 1.000 Einwohner. Die beste Zukunft ist eine, in der das Auto seinen Platz neben allen anderen Formen der Mobilität einnimmt und nicht die erste Option ist.

Sämtliche Autos, ungeachtet ihrer Antriebsart, beanspruchen Raum. Sie müssen versorgt werden mit Straßen und Parkraum. Stellen wir uns eine Zukunft vor, in der die Straßen mehr als ein grünes Netzwerk von öffentlichen Räumen erscheinen – auf denen die Bedürfnisse der Menschen nach Fortbewegung zu Fuß oder mit dem Rad im sozialen Raum vor der Haustüre zumindest gleichberechtigt wären mit der Berechtigung von Autos, die Straße zum Fahren und zum Parken zu beanspruchen. Straßen haben durch die urbane Geschichte hindurch stets vor allem die Funktion des sozialen Raums gehabt.

Werden die Studierenden der Frankfurt UAS über ein umfangreiches Wissen verfügen, um gute Botschafter der Nachhaltigkeit zu sein, nachdem sie ihr Studium absolviert haben werden?
Meine und die meiner Kollegen werden es haben!

Lassen Sie uns auf ihre akademischen Themen blicken. Warum neigen kompakte, mischgenutzte Städte dazu, nachhaltiger zu sein als andere?
Eine Stadt der kurzen Wege und einer fokussierten Konzentration ihrer Bewohner erlaubt es diesen, die meisten Bedürfnisse lokal zu Fuß oder mit dem Rad zu erfüllen, verbunden mit einem guten öffentlichen Personenverkehr für längere Reisen. Weniger Landverbrauch für lockere Zersiedelung und eine umfassende Verkehrsinfrastruktur für Autos wie Schnellstraßen und Parkplätze bedeutet mehr Schutz für grüne Areale wie Wälder sowie für stadtnahen und innerstädtischen Nahrungsmittelanbau. Die Ironie ist es, dass die dichten europäischen Städte viel mehr Natur und grüne Ausrichtung bieten als die zersiedelten Städte in den USA und Australien, die ihre grünen Flächen vergeudet haben unter Asphalt und Häusern. Und je grüner der Raum ist, desto weniger Hitze-Inseln haben wir, so dass die Stadt kühler sein wird. Da die Temperaturen in den Städten bisweilen auf ein alarmierendes Niveau steigen und die Zahl der Todesfälle wegen Hitze steigt, wird es sehr wichtig sein, die Städte auf möglichst natürliche Weise so kühl wie möglich zu halten. Unsere Städte saugen jeden Tag jede Menge Energie, Wasser, Nahrungsmittel und sogar Menschen und Autos aus großer Entfernung auf, und sie produzieren jede Menge Abfall, Umweltverschmutzung und Abwasse

Gibt es eine Chance, dass Städte Konsumenten und Produzenten von Energie, Nahrungsmitteln und sauberem Wasser zur gleichen Zeit sein können?
Ja, Möglichkeiten zur Gewinnung erneuerbarer Energie sind in Städten reichlich vorhanden, indem wir Photovoltaik- und Solarthermie-Anlagen auf Dächern oder den Hausfassaden installieren. In einem geschlossenen Kreislaufsystem werden Begleitstoffe des Mülls zur Quelle von Ressourcen. Abwasser kann leicht geklärt werden, so dass es Trinkwasserstandard erfüllt, und das nicht nur durch traditionelle Abwasserbehandlung, sondern biologische Systeme. Die alten „Fußwege Städte“, wie sie die Welt grundsätzlich bis 1850 hatte. Unter dem System industrieller Lebensmittelproduktion konsumieren die Städte heute Nahrungsmittel, die eine Menge an „Nahrungsmeilen“ hinter sich haben und daher eine gewaltige Menge Energie in ihrer Herstellung und ihrer Lieferung verinnerlicht haben – es ist der schon sprichwörtliche „Dreitausend-Meilen-Caesar-Salad“.

Was erzeugt einen qualitativ hochwertigen öffentlichen Raum und eine gute öffentliche Kultur?
Städte sind öffentliche Räume. Wenn die öffentliche Kultur einer Stadt niedergeht, besteht die Tendenz, dass ein nach innen gerichteter Blick und Abschottung unter ihren Bewohnern vorherrschen. Los Angeles, wie viele amerikanische Städte mit ihren umzäunten, abgeschotteten Wohngebieten, wird „Festung LA“ und „Die Umwelt der Angst“ genannt. Solche Städte haben öffentliche Räume, die überwiegend unattraktiv sind und reichlich Möglichkeiten für Kriminalität bieten, weil keine kritische Masse an Menschen oder öffentlichen Aktivitäten eine natürliche Überwachung und Sicherheit durch soziale Kontrolle bietet. Bisweilen ist von „Private Pracht versus Öffentliches Elend“ die Rede. Städte, an die sich Menschen erinnern, sind meist welche, die von Leben erfüllt sind, von Farbe, Interaktion und vielfältigen Möglichkeiten, um unterschiedliche Erfahrungen zu sammeln. Barcelona ist bekannt wegen seiner La Rambla, München wegen seiner Fußgängerzonen Marienplatz und Karlsplatz und wegen seines Englischen Gartens, New York wegen des Central Park und Times Square, London wegen Covent Garden und Oxford Street, Paris wegen der Champs-Élysées.

Ist demokratische Entscheidungsfindung eine conditio sine qua non für eine umfassende Nachhaltigkeit?
Nachhaltigkeit, insbesondere in Städten, ist wirklich nur zu erreichen, wo eine Vision von der Zukunft geteilt und ihr zugestimmt wird, welche unausweichlich die schwierige Aufgabe einschließt, den Versuch zu unternehmen, die Meinungen, die es in jeder Stadt gibt, in ihrer Vielfalt zu erfassen, ihnen Rechnung zu tragen und sie zu respektieren, um dann Schritt für Schritt nach vorne zu gehen sowie den Fortschritt in Richtung jener Ziele festzustellen und zu überprüfen, die sich zumindest eine Mehrheit der Bevölkerung als ihre Ziele angeeignet hat. Bisweilen haben – so wie bei der Umwandlung von Straßen in Fußgängerzonen oder zur Verkehrsberuhigung – einige der einstigen Gegner am Ende bemerkt, dass die Veränderung gut für ihr Geschäft war, und häufig klopfen dann die Inhaber jener Geschäfte, die nicht am Umbau beteiligt waren, beim Bürgermeister an, und fragen nach einer Erweiterung des Stadtumbaus bis zu ihrem Laden.