Zur Startseite
Ich hoffe, dass viele Lehrenden den jungen Menschen das Pflänzchen der Nachhaltigkeit einpflanzen, damit diese zu Nachhaltigskeitsspreadern werden.

Ziele im Fokus

  • Hochwertige Bildung
  • Bezahlbare und Saubere Energie
  • Nachhaltige Städte
  • Nachhaltiger Konsum
  • Massnahmen zum Klimaschutz
  • Partnerschaften
Prof. Dr. Martina Klärle Professur für Landmanagement

Prof. Dr. Klärle, als Vizepräsidentin der Frankfurt UAS steht Nachhaltigkeit ganz oben auf Ihrer Agenda, und Sie sagen häufig, Sie „verkämpfen“ sich für das Thema. Wie wurde dieser Kampf für die Nachhaltigkeit zu einem essenziellen Thema Ihres Lebens?
Ich fand den Zugang zur Nachhaltigkeit während meines Studiums durch meinen Doktorvater Ortwin Peithmann. Anfangs schüttelte ich den Kopf über ihn. Er kaufte seine Kleider im Secondhandladen und ging die letzten Kilometer vom Bahnhof bis zur Hochschule zu Fuß oder trampte, wenn kein Bus fuhr. Dann aber erkannte ich, was er uns mit der Art, wie er lebt, vermittelte. Er schont die Ressourcen. Auch ich sah: Das ist ein gutes Lebensziel. Und eigentlich hatten mir meine Eltern diese Haltung, diese Einstellung zum Leben, das Sorgsame und das Achtsame schon mit in die Wiege gelegt, wie zum Beispiel das Obst aufzulesen und zu verbacken, anstatt es verfaulen zu lassen und neues Obst zu kaufen. Daran habe ich mich erinnert, als ich meinen Doktorvater und seine Lebensweise erkannte, und ich dachte: Ich will auch so handeln. Später, schon als Forscherin mit Mitte vierzig, drang die Überzeugung, dass es für die Nachhaltigkeit zu kämpfen lohnt, mit einem zweiten Schub in mein Bewusstsein. Ich verbrachte zwei Wochen mit Mojib Latif, dem Klimaforscher und Präsident der Deutschen Gesellschaft Club of Rome, auf Grönland. Wir studierten die Folgen des Klimawandels und all seine Dimensionen. Ich erkannte, dass jeder die Möglichkeit hat, etwas zu tun. Und wenn jeder etwas tut, dann haben wir die Möglichkeit, den Schalter umzulegen.

Sie stellen die ökologische Dimension der Nachhaltigkeit heraus, aber gibt es nicht auch eine soziale und eine ökonomische?
Ich weiß, die UN definiert siebzehn Nachhaltigkeitsziele, und alle sind wichtig. Ich weiß aber auch, dass ich nicht für alle gleichermaßen kämpfen kann. Die ökologische Komponente ist die, die mich am stärksten beeinflusst. Ich bin als Landvermesserin,
Geodätin und Umweltwissenschaftlerin nah an der Ökologie. Ich denke, dass es andere Menschen gibt, die ebenso aktiv sind für die Nachhaltigkeit wie ich, die aber für die sozialen oder ökonomischen Ziele kämpfen.

Wo und wie bringen Sie sich für das Thema der Nachhaltigkeit ein?
Zum Beispiel an der Hochschule als Hochschullehrerin, indem ich mein Wissen weitergebe, damit Energiewende und Klimaschutz gelingen. Ich suche überall in meinem Leben danach, wie und wo ich die Themen meiner Forschungsfelder umsetzen kann – wie in meinem Heimatort mit unserem privaten Lebenswerk, unserem Plus-Energie-Hof 8.

Ist der Hof 8 nicht ein gutes Beispiel für den Dreiklang der Nachhaltigkeit?
Ja, wenn Sie so fragen. Die Gebäude sind ökologisch durchdacht, der Hof ist ein Ort zum Arbeiten und Wirtschaften, und er hat dem Dorf wieder eine neue, mit Leben erfüllte wirtschaftliche und soziale Mitte gegeben. Vor allem wirkt er ansteckend. Denn viele Menschen kommen und lassen sich inspirieren, selbst mit einem Projekt zur Veränderung beizutragen. Wenn ich das erlebe, bin ich dankbar und stolz. Ich freue mich an dem, was mir geglückt ist. Und ich kann zum Beispiel nachhaltig mobil sein mit dem E-Mobil, das mit dem am Hof 8 erzeugten Strom fährt, und mit der Bahn. Auch wenn ich bis zu 10.000 Kilometer im Monat unterwegs sein muss, so kann ich das klimaneutral sein.

Was kann eine Hochschule für mehr Nachhaltigkeit tun?
Bildung ist so wichtig. Sie ist der Anfang der Veränderung. Ich muss den Studierenden die Nachhaltigkeit als Haltung im Leben, als eine Überzeugung vermitteln. Ob in der Baubranche, in den Ingenieurberufen, in den sozialen Berufen oder in den Wirtschaftswissenschaften: Die Basis ist dann überall die gleiche. Jährlich haben wir an der Frankfurt UAS 2.500 Absolventen.

Und wenn die es alle gelernt haben, nachhaltig zu denken und zu handeln, dann werden die zu richtigen „Nachhaltigkeitsspreadern“. Und ich hoffe, dass ich unsere Studierenden und Mitarbeitenden ebenso durch meine Haltung, durch mein Vorleben überzeuge, wie es mein Doktorvater mit mir getan hat. Ich hoffe, dass auch viele Lehrende das Pflänzchen der Nachhaltigkeit in die Köpfe der jungen Leute pflanzen. Andere müssen es dann gießen, damit die Idee reifen und Früchte tragen kann. Das ist unser großer Hebel. Und eventuell ist unter den Absolvierenden auch eines Tages ein großer Forscher, der mit einer Entwicklung langfristig und weltweit etwas bewegt.

Was ist Ihr spezifischer Beitrag zur nachhaltigen Hochschule, den sie in Ihrer Position als Vizepräsidentin leisten?
Ich bin angetreten als Vizepräsidentin, auch um die Hochschule nachhaltiger zu machen und alle auf diesem Weg mitzunehmen. Ich bin angetreten, dass wir uns alle dazu verpflichten, unseren Hochschulbetrieb sowie unsere Lehre und Forschung nachhaltiger auszurichten.

Erreichen Sie Ihr Ziel?
Ja, es gibt so viel Unterstützung für unsere Nachhaltigkeitsstrategie. Es ist ganz toll, wie viele Menschen mir jetzt sagen, sie dachten bisher, sie seien allein mit ihrer Überzeugung, dass auch die Hochschule nachhaltiger werden solle. Ich habe plötzlich ganz viele Unterstützer. Die eine möchte den Klimanotstand ausrufen, und die andere will ein Bienenhäuschen auf dem Dach. Meine Aufgabe ist es, all die Mitstreiter zu unterstützen und zu befähigen, unser Ziel zu erreichen.

Welche Partner braucht die Hochschule auf dem Weg zur Nachhaltigkeit?
Es sind vor allem drei Partner. Erstens: Die gesamte Hochschulleitung steht hinter dem Ziel. Zweitens: Unsere Fachbereiche mit ihrer Studiengangentwicklung müssen mitziehen. Und drittens: Wir brauchen die Unterstützung des Landes, und das ist das schwierigste Feld. Die Ministerin und ihre Staatssekretärin sind auf unserer Seite. Aber wenn wir zum Beispiel neu bauen wollen oder müssen, dann gibt es viele Vorschriften, die nachhaltiges Bauen nur schwer gelingen lassen. Es gibt zum Beispiel eine Dämmung, aber die ist dann aus Styropor. Ich bin dafür, dass man dann langsamer oder weniger baut, dass das Neue aber für die Zukunft hält. Bei mir schwingt immer mit: Für billig haben wir kein Geld.

Mit welchem Instrument sollen Sie sicherstellen, dass der Umbau zur nachhaltigen Hochschule gelingt?
Das Instrument müssen wir noch entwickeln. Es wird unser Green Office oder das Büro für Nachhaltigkeit. Es wird ein Monitoring und immer wieder ein Hinterfragen der Veränderung geben sowie Berichte über den Erfüllungsgrad unserer Ziele. Im Alltag rutscht das Thema Nachhaltigkeit sonst zu weit auf hintere Plätze zurück.

Sie verfassten die Nachhaltigkeitsstrategie mit digitalen Hilfsmitteln während der Corona-Pandemie. Ist die Gleichzeitigkeit von Pandemie und Strategieentwicklung Zufall oder Fügung?
Da gibt es vielleicht einen Zusammenhang. Denn die Pandemie hat das Bewusstsein für die Verletzlichkeit der Welt geschärft. Die Krise hat uns zur Besinnung gerufen. Es erscheint uns selbstverständlich, dass alles reibungslos funktioniert, aber es ist nicht selbstverständlich.

Wann haben Sie als Frankfurt UAS und deren Vizepräsidentin mit Ihrer Strategie das Ziel erreicht?
Der Weg ist das Ziel. Mit Energie und Selbstbewusstsein einen Schritt nach dem anderen hin zu mehr Zukunftsfähigkeit: Das ist unser Ziel.