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Nachhaltigkeit an einer Hochschule heißt vor allem mehr Zeit zum Nachdenken, zum Verstehen und zum Bewahren und Weitergeben von wertvollem Wissen.

Ziele im Fokus

  • Hochwertige Bildung
  • Geschlechtergleichheit
  • Nachhaltiger Konsum
Dr. Margit Göttert Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte

Frau Dr. Göttert, wie kamen Sie zum Thema Nachhaltigkeit, oder kam das Thema zu Ihnen?
Nachhaltigkeit ist für mich schon ein Thema, solange ich lebe. Ich komme vom Land vom Mittelrhein. Meine Familie betrieb dort seit Generationen kleinbäuerliche Landwirtschaft in Realteilung. Urgroßeltern, Großeltern, Eltern, Kinder lebten in einem Haus. Alles wurde verwertet oder wiederverwertet. Es gab nicht einmal einen Mülleimer.

In welchem Jahrhundert sind Sie aufgewachsen?
Das ist noch gar nicht so lange her. Das war in den 1960er- bis in die 1970er-Jahre so. Dann kam auch mehr Geld in die Dörfer. Die Leute kauften Autos, bauten dichte, vor Zugluft schützende Plastikfenster in ihre Fachwerkhäuser, die sie nicht fachgerecht sanierten. Es war mehr Konsum möglich nach einer langen Zeit objektiver Armut.

Auch auf die Gefahr hin, dass es klingt, als erzählten die Urgroßeltern aus einer anderen Welt: Waren Sie damals zufriedener oder glücklicher?
Es geht nicht darum, die Vergangenheit zu verklären. Aber wir können benennen, was besser war, um es heute wiederzuerkennen. Positiv war die Freude, die wir im Herbst empfanden, wenn der Keller gefüllt war mit Kartoffeln und Obst, das wir eingemacht hatten, oder wenn geschlachtet wurde. Das war etwas Anderes als schnell etwas zu kaufen und es sogleich zu konsumieren. Wir freuten uns auf die Feste, die Gemeinschaft mit der Familie und Freunden, um die Ernte und die Frucht unserer Arbeit zu genießen. Der Genuss war ursprünglicher und freudvoller als heute.

Wo liegen die Vorzüge der Gegenwart?
Wir haben mehr individuelle Freiheiten und können unsere persönlichen Lebensentwürfe verwirklichen. Mädchen haben längst die Chance auf Bildung. Das begann in meiner Jugend. Ich habe 1981 Abitur gemacht. Es war parallel der Aufstieg der Grünen und ihrer Themen. Ich habe mich schon in der Schulzeit engagiert und zum Beispiel Umweltschutzpapier verkauft. Der Rhein, an dem ich aufgewachsen bin, ist heute sauber. Damals mieden wir den Fluss wegen des intensiven Gestanks, der von ihm ausging. Jede Jugend hat das Recht auf ihre Zeit und eine eigene Haltung, aus der heraus sie die Alten für „bekloppt“ hält. Das ist wohl immer so. Aber ich finde die Jungen von heute knüpfen an das an, was für uns damals wichtig war. Die Tatsache, dass sie zum Beispiel den Konsum hinterfragen, dass sie mit den Eltern diskutieren, was es zu essen gibt, weil sie wissen, was in der Massentierhaltung geschieht. Wir sollten mehr miteinander reden und nicht behaupten, früher oder heute sei alles besser. Kein Leben ist frei von Widersprüchen. Doch ich beobachte das Interesse, Solidarität zu entwickeln.

Was hat gesellschaftliche Solidarität mit Nachhaltigkeit zu tun?
Für mich als Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte zählt Chancengerechtigkeit zur Nachhaltigkeit. Sie sind verknüpft mit Gleichberechtigung: Jeder wird ernst genommen, und jede Lebensperspektive wird berücksichtigt, Macht und Hierarchien werden aufgedeckt und infrage gestellt, Gewalt und Diskriminierung bekämpft. Nachhaltigkeit ist ohne Gerechtigkeit und ohne gerechte Lebensverhältnisse nicht denkbar und nicht machbar. In meiner Funktion an der Hochschule kommen zwei Motive meines Handelns im Kampf für bessere Bildung zusammen. Ohnehin ist es für mich ein Privileg, an einer Bildungseinrichtung zu arbeiten und meinen Beitrag zu leisten, Wissen diskursiv zu vermitteln.

Wie verwirklicht denn die Frankfurt UAS Nachhaltigkeit im Hochschulalltag?
Durch Vorleben. Dadurch, dass sie Nachhaltigkeit glaubhaft verkörpert. Nicht perfekt, aber so gut es geht. Es gibt hier immer noch Pappbecher und Sodawasser von Großkonzernen, obwohl wir in Bad Vilbel viele Mineralbrunnen haben. Aber auch in der Administration und Organisation ist Nachhaltigkeit ein großes Thema – oder sie sollte es sein.

Wie und warum sollte Nachhaltigkeit ein Thema der Administration sein?
Na, wir sollten uns zum Beispiel fragen, welche Transportwege wir auslösen mit der Art und Weise, wie wir Forschung und Lehre organisieren. Oder nehmen wir das Projektmanagement. Es gibt viele lohnende Projekte. Aber sie sind meist auf zwei bis vier Jahre befristet. Dann werden sie beendet, und mit ihnen gehen tolle Ideen unter, Konzepte und Menschen verschwinden aus dem Blick und geraten in Vergessenheit. Wissen, Engagement und Perspektiven für Menschen gehen verloren. Wir haben zum Beispiel das Projekt „Chancen bilden“, um Kinder aus nichtakademischen Familien zu unterstützen, damit sie ein Studium beginnen. Solch ein Projekt, das Stetigkeit braucht, muss immer wieder ums Überleben kämpfen.

Nachhaltigkeit ist also mehr als Ökologie?
Ja. Und nachhaltiges Wissensmanagement braucht mehr Zeit und Räume zum Denken und zum Diskurs an der Hochschule. Wir laufen hier häufig in einem unglaublichen Tempo den Dingen hinterher. Warum geben wir uns nur ein halbes Jahr Zeit, wenn ein Jahr nötig wäre? Die Schnelligkeit ist für uns zu einem Popanz geworden. Nachhaltigkeit heißt für mich, vor allem an einer Hochschule, mehr Zeit zum Nachdenken, zum Verstehen und zum Bewahren und Weitergeben von wertvollem Wissen.

Sind Sie zufrieden mit dem Prozess, in dem die Nachhaltigkeitsstrategie entwickelt wurde?
Unsere Vizepräsidentin Prof. Dr. Klärle ist ein Motor, und sie hat eine positive Grundeinstellung. Ich wünsche mir, dass die Strategie umgesetzt werden wird, aber schon vom Prozess der Strategiebildung bin ich positiv überrascht. So viele unterschiedliche Menschen an der Hochschule treten in den Diskurs ein, nehmen ihn ernst in der gesamten Breite des Themas. Sie beschränken Nachhaltigkeit nicht auf Energiesparen und den Kauf regionaler Produkte. Das ist gut, denn nachhaltiges Wissens- und Projektmanagement drohen vergessen zu werden neben all den technischen Themen an der Oberfläche der Nachhaltigkeitsdebatte. Wir müssen Druck rausnehmen. Ich sagte neulich zu einer Bekannten: Wir müssen entschleunigen. Da antwortete sie: Ich kann das Wort entschleunigen nicht mehr hören. Wir müssen Verzicht üben. Für mich heißt das unter anderem: nicht auf jedes Projekt und jede Chance auf Fördermittel draufspringen, sondern die guten Dinge auch gut zu Ende bringen oder sie weiterentwickeln und verstetigen, wo es Sinn macht.

Üben Sie auch Verzicht im privaten Leben?
Ich fliege nicht. Das fällt mir auch nicht schwer mit meiner Flugangst [lacht]. Wir haben den Stromverbrauch stark gesenkt, und wir fahren unser sparsames Auto, bis es auseinanderfällt. Zur Arbeit nehmen wir das Fahrrad, im Urlaub Bahn und Rad. Und ich habe in meinem Heimatdorf ein Fachwerkhaus mit natürlichen Baustoffen restauriert.

Gut, dass Sie das Dorf ansprechen. Vergessen die Städter den ländlichen Raum und seine legitimen Interessen?
Das Denken in Schwarz und Weiß ist ein Zeichen unserer Zeit. Die Welt ist einfacher, wenn wir sie in Schwarz und Weiß denken. Aber damit werden wir der Wirklichkeit nicht gerecht. Wer in Frankfurt alle Möglichkeiten der Mobilität zur Verfügung hat, kann anderen leicht Verzicht auf bestimmte Formen der Mobilität predigen. Heute Morgen hatte ich die Idee, ein Projekt anzustoßen, um zum Beispiel zusammen mit Lehrenden und Studierenden eine Nachhaltigkeitsstrategie für mein Heimatdorf zu entwickeln, in dem die Häuser im Ortskern verfallen. Denn Nachhaltigkeit hat noch eine weitere ganz wesentliche Bedingung: Verantwortung und Gemeinsinn.

Warum ist Nachhaltigkeit untrennbar mit Verantwortung und Gemeinsinn verknüpft?
Verantwortung und Gemeinsinn sind – insbesondere in einer stark individualisierten Gesellschaft – eng miteinander verknüpft. Wir sollten verantwortlich handeln und dürfen dabei nicht unsere Abhängigkeit von anderen übersehen. Die sogenannten Querdenker, die meines Erachtens gar nicht wirklich denken, die gegen die Regeln zur Eindämmung der Corona-Pandemie auf die Straße gehen, verwechseln Rücksichtslosigkeit mit persönlicher Freiheit. Freiheit bedeutet auch Freiheit zur Verantwortung. Nachhaltigkeit gelingt nur, wenn wir alle Verantwortung übernehmen – jeder für sich und gleichzeitig für die anderen und für das Ganze.