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Das Bauwesen hat ein großes Beharrungsvermögen, es ist extrem träge. Der Nutzungszyklus eines Gebäudes beträgt 50 bis 100 Jahre.

Ziele im Fokus

  • Hochwertige Bildung
  • Nachhaltige Städte
  • Massnahmen zum Klimaschutz
Prof. Dr. Hans Jürgen Schmitz Professur für technische Gebäudeausrüstung

Herr Prof. Dr. Schmitz, wie fanden Sie zum Thema Nachhaltigkeit?
Ich bin Architekt und lehre Gebäudetechnik. Bei mir geht es um Energie und Ressourcen. Über die Frage nach der Energie bin ich auch zum Klimawandel, von dort zur Nachhaltigkeit und weiter zur Frage der Gerechtigkeit gekommen, denn wir verbrauchen hier Ressourcen, die woanders unter schwierigen Bedingungen gefördert werden müssen. Unsere Lebensweise belastet nachfolgende Generationen. So kommt man zu einer umfassenderen Sicht.

Die umfassende Sicht ist ein gutes Stichwort. Welche Dimensionen müssen wir in den Blick nehmen, wenn wir über Nachhaltigkeit sprechen? Allein die ökologische Dimension?
Wir sind in der Diskussion, ob die drei Säulen Ökologie, Soziales und Ökonomie tatsächlich das gleiche Gewicht haben. Neben dem Säulengibt es das ringförmige Doughnut-Modell mit 21 Bereichen, die Ökologie, Soziales und Ökonomie umfassend in einen Zusammenhang stellen. Ökologie und Soziales haben darin größeres Gewicht als die Wirtschaftlichkeit. Und es gibt das Schalenmodell mit der Ökologie als der Grundlage des Lebens. Darauf baut das Soziale auf und darauf wiederum die Wirtschaft. Wenn nun zum Beispiel die Wirtschaft ein zu großes Gewicht erhält und außerdem in eine Schieflage kommt, dann kippen die Schalen um. Daraus folgt: Die Wirtschaft muss den anderen Schalen dienen. Erst kommt die Ökologie, dann das Soziale, und dafür müssen wir langfristig gut wirtschaften. Diese Denkweise in der Lehre und im Bauen zu verankern, das ist Sinn und Zweck meiner Arbeit.

Wie wird der von Ihnen verfolgte Ansatz die Architektur verändern?
Unser Ziel ist klar: Wir müssen komplett von fossilen Energiequellen wegkommen. Das kann wiederum architektonische Ausdrucksweisen ermöglichen, die sehr gut aussehen. Und wir knüpfen mit der postfossilen Architektur an jahrtausendealte Techniken an. Denn Wind, Wasser und Sonne haben wir schon immer als Energiequellen genutzt.

Wie sieht die postfossile Architektur aus?
Überall anders. Regional unterschiedlich, dem Klima angemessen, Ressourcen schonend und lokale Ressourcen nutzend. Es ist eine spannende Art zu bauen, durchaus extrem und polarisierend. In Hamburg auf der Internationalen Bauausstellung gab es 2013 zum Beispiel ein Forschungshaus mit einer Algenfassade als Bioreaktor. Die Algen binden Kohlendioxid und produzieren Biomasse, die als Energieträger oder Rohstoff in der Fertigung genutzt werden kann. Das Haus gewinnt eine neue Rolle als Produzent, es ist nicht nur Konsument. Es wird zum Prosumer, zum Produzenten und Konsumenten in einer Gestalt. Es erzeugt nicht nur Abgas und Abwasser, sondern es reiht sich ein als Teil einer natürlichen Kreislaufwirtschaft.

Das klingt verlockend, aber was machen wir einstweilen mit den bestehenden Städten und Strukturen?
Ja, das ist eine schwierige Herausforderung. Fest steht: Der Null-Energie-Standard wird zum Neubaustandard, oder sogar das Plus-Energie-Haus, das mehr Energie erzeugt, als es verbraucht. Mit der bestehenden Substanz umzugehen, das wird schwieriger. Man muss es sich im Einzelfall ansehen. Generell zeichnet sich aber ab, dass wir Gebäude und Quartiere nicht mehr einzeln mit Energie versorgen, sondern sie in intelligente Netze, smart grids, einbinden, in denen Erneuerbare Energie wie grüner Strom und Biogas fließt.

Wo kommt die Erneuerbare Energie her?
Da muss der Architekt in Zukunft über das Gebäude hinaus denken ...

Wie werden Sie diese weitreichende Veränderung den Nutzern und Entscheidern vermitteln?
Hier kommt eine politische Komponente hinzu. Mir geht alles viel zu langsam. Alle reden über das Richtige, aber die notwendigen Entscheidungen werden nicht konsequent getroffen. Ich bin dankbar für die Bewegung Fridays for Future. Wir haben diese Generation an der Hochschule, die die Veränderung will.

Knüpft diese Generation mit ihrem Willen an Ideen aus der Vergangenheit an?
Es gab Anfang der 1980er-Jahre – nach den Ölkrisen – das Buch Ökologisches Bauen vom Umweltbundesamt (Hrsg.). Dessen Autoren wurden als Ökos abgetan, ihre Arbeiten als Müsli-Architektur. Aber wären wir ihren Ideen früher gefolgt, hätten wir heute eine andere Architektur und weniger Probleme.

Wie viel Zeit beansprucht der von ihnen verfolgte Paradigmenwechsel in der Architektur?
Es gibt zwei Möglichkeiten, zur Veränderung zu gelangen: Einsicht und Druck. Mit Einsicht funktioniert es offenbar nicht. Ich befürchte, es geht nur mit Druck. Unser Handeln hat Folgen und erhöht den Druck. Der wird zu einem Paradigmenwechsel führen. Wir stehen an einem Wendepunkt. Das Wachstumsparadigma hat uns in die Probleme hineingeleitet, und ein Grünes Wachstum ist für mich ein Widerspruch in sich. Der Klimawandel wird uns zum Umdenken zwingen. Ein Zurück zum Gewohnten hat es in der Menschheitsgeschichte nie gegeben, und die Lebensweise der vergangenen 50 Jahre lässt sich nicht in der Zukunft fortsetzen. Wenn man in die Geschichte schaut, ist der permanente Wandel nichts Besonderes, sondern etwas Normales. Wir müssen die Veränderung gestalten, den Klimawandel meistern, statt an ihm zu scheitern.

Sind Ihre Studenten aufgeschlossen für den Wandel – ungeachtet der Zeit, den er beanspruchen wird?
Ja, ganz klar, die sind ja Betroffene. Die haben einen persönlichen Bezug zum Thema.

Wieviel Geduld – gemessen in Jahren – müssen denn auch diese jungen Leute aufbringen?
Das Bauwesen hat ein großes Beharrungsvermögen, es ist extrem träge. Der Nutzungszyklus eines Gebäudes beträgt 50 bis 100 Jahre. Aber ein einmal erstelltes Gebäude kann über die Haustechnik im Abstand von 20 bis 30 Jahren verändert werden.

Welche technischen Sanierungskonzepte sind zukunftsweisend?
Es geht um mehr als um Dämmung. Regenerative Energieerzeugung muss ans Gebäude, und der CO₂-Preis muss steigen, damit der Einsatz bestimmter Techniken unwirtschaftlich wird.

Nutzen Sie als Architekt die Chance auf Interdisziplinarität, die eine Hochschule bietet?
Ja, wir hatten in unserem Fachbereich eine Reihe von Kongressen etwa zum Klimawandel oder zur Resilienz im Ballungsraum. Das Thema Resilienz habe ich gemeinsam mit einem Informatiker bearbeitet, der auch Jesuit und Wissenschaftsphilosoph ist und sich mit Mensch-Maschine-Schnittstellen sowie mit künstlicher Intelligenz beschäftigt. Wir nutzen das computerbasierte Planspiel als eine Riesenchance zur Partizipation von Menschen in Planungsprozessen. Was passiert, wenn ich meine Interessen etwa in einem Ballungsraum durchsetze? Sind das, wenn ich auf die Konsequenzen blicke, überhaupt meine Interessen? Mit Themen wie diesen beschäftigen wir uns im Studium Generale, das wir als Pflichtkurs im Bachelor-Studium anbieten. Computerbasierte Planspiele bieten sich in der Stadtplanung an, um die Folgen von Entscheidungen zu verdeutlichen und Beteiligungsprozesse attraktiver zu gestalten. Ich erinnere an Richard Buckminster Fuller, einen Architekten und Visionär, der das World Game erdachte. Ich sehe mich in der Tradition seiner Denkweise. Er, der von 1895 bis 1983 lebte und für mich ein echter 68er war, sah die Welt auf einem „critical path“ und mittlerweile im „final exam“.